Die Geburt von Felix Samuel


 Am Samstag wollte ich schon nicht mehr wirklich aus dem Haus gehen. Irgendwie war mir nach zuhause Sitzen und Rasten. Lukas, mein Verlobter, war mit seinem Vater auf einer Tageswanderung und kam an diesem Tag erst am Abend nach Hause. Gegen 22.00 Uhr kuschelten wir uns ins Bett und meinten, dass wir uns morgen einen so richtig schönen Sonntag machen würden – mit langem Brunchen, Entspannen und Genießen.
 Jemand hatte da aber einen anderen Sonntagsplan für uns…
 Um kurz vor zwei Uhr morgens wachte ich auf. Ich spürte etwas überrascht, dass ich einen Blasensprung hatte. Wenngleich viele Menschen rund um mich meinten, dass unser Kind sich bis zum errechneten Termin Zeit lassen würde, hatte ich immer wieder das Bauchgefühl, dass er oder sie früher zu uns kommen wollte. Ich weckte Lukas auf und sagte in freudiger Aufregung, dass es wohl soweit sei. Ich freute mich sehr, da ich wusste, dass die sehnlich erwünschte Hausgeburt möglich war, weil die 37. Schwangerschaftswoche vollendet war. Lukas schrieb Karin, unserer Hebamme, eine SMS. Sie gab uns den Tipp, dass wir versuchen sollten, noch ein wenig zu schlafen und Kraft zu tanken. So legten wir uns bis ca. 4 Uhr noch
 einmal hin. Dann war es vorbei mit Rasten und ich wollte aufstehen und die Wohnung für die Geburt vorbereiten. Wir verhängten die Glasfronten im Wohnzimmer mit Tüchern, zündeten Kerzen an und bereiteten die Utensilien für die Geburt vor. Es war eine sehr schöne, aufregende Zeit mit Lukas. Um kurz nach vier Uhr hatte ich erste leichte Wehen. Um halb
 sieben spürte ich dann die Wehen deutlicher und in kürzeren Abständen. Ich wusste, dass ich Karin dann bitten würde, zu uns zu kommen, wenn ich das Gefühl danach hatte. Bis ca. 9.00 Uhr morgens veratmete ich die Wehen sehr gut und spürte dank der Vorbereitung mit Hypnotherapie nahezu keine Schmerzen. Wir hielten Karin via SMS am Laufenden. Ich spürte, dass ich in dieser Zeit noch mit Lukas alleine sein wollte. Er redete mir gut zu und behielt die Abstände und Dauer der Wehen im Auge. Während der gesamten Geburt versuchte ich, jede Wehe liebevoll zu begrüßen. War die Wehe vorbei, wusste ich, dass diese nie wieder kommen würde. Dieses Wehenbegrüßungs- und Verabschiedungsritual erlebte ich
 sehr schön. Und schließlich wusste ich: ohne Wehen keine Geburt unseres Kindes.
 Um ca. 9.30 Uhr hatte ich das Gefühl mit Karin telefonieren zu wollen und spürte, dass ich sie gerne da hätte – unter anderem da ich wissen wollte, ob die Herztöne unseres Kindes gut seien. Karin kam gegen 10.00 Uhr zu uns. Es war schön, sie zu sehen und bei uns zu wissen. Karin hatte mit ihrer sicheren, ruhigen Art eine sehr entspannende Wirkung auf mich. Wir redeten über dies und das und erst nach einiger Zeit bat ich sie, nach unserem Kind zu hören. Die Herztöne waren prima. Das beruhigte mich. Ich wollte wissen, wie weit der Muttermund schon offen war. 4-5 cm meinte Karin. Es schien alles gut zu verlaufen. Dann wurde das
 Geburtsbecken aufgestellt und eingelassen. Die Wehen wurden stärker und kamen in ca. 3 Minuten-Abständen. Lukas hatte von der Wanderung einen Wehenstein mitgenommen, auf den wir für jede Wehe einen Strich zeichnen wollten. Einige Stricherl hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits gesammelt, doch nun war mir der Wehenstein egal, da ich Lukas als Unterstützung brauchte. Seine Stärke war unglaublich gut und wichtig für mich zu spüren. Im Geburtsbecken fühlte ich mich wie eine Löwin. Ich ließ meinen Ausrufen freien Lauf und tönte die Schmerzen hinweg. Die Selbsthypnose funktionierte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.
 Ich kann mich erinnern, dass die Schmerzen zum Teil stark waren. Ich bewegte mich auf und ab, hin und her und keine Ahnung wohin noch, um einen Bewegungsausgleich für die Wehen zu finden. Irgendwann fragte ich Karin, ab wann die letzte Phase beginnen würde. Sie meinte, dass sie dies an der Art meiner Bewegungen erkennen würde. Der Muttermund war 8 oder 9
 cm offen. Ich erinnere mich, dass ich zum Teil Karins Arme sehr fest angriff und mich zurücklehnte. Die Gewissheit, ihrer Professionalität vertrauen zu können, machte mir Mut und ließ mich stets im Vertrauen bleiben. Lukas war der Fels in der Brandung, den ich schließlich, als die Schmerzen mehr wurden, bei mir im Becken haben wollte. Auf einmal spürte ich, dass ich traurig wurde. Keine Ahnung wie, aber Karin bemerkte dies und sagte, dass es auch ein Loslassen und Verabschieden sei. Ich weinte. Ich denke ich weinte lange und intensiv. Irgendwas löste sich da. Schließlich wollte ich nicht mehr im Becken sein. Gegen 13.00 Uhr
 begann die Austreibungsphase. Im Vorfeld dachte ich, dass ich eine Wassergeburt erleben wollte, oder im Vierfüßerstand mein Kind zu Welt brächte. Falsch vermutet. Beides war unangenehm für mich. Vom Hocken in den Stand und wieder zum Tragetuch…erneuter Versuch im Vierfüßerstand – ich probierte viele Stellungen aus, doch keine schien stimmig zu sein. Da in aufrechten Positionen meine Schamlippen anschwollen und dies eine zusätzliche Hürde für die Geburt darstellte, meinte Karin, ob ich mich hinlegen wollte. Das empfand ich als sehr gute Idee. Und dies war schließlich auf die Position, in der ich unser Kind zu Welt brachte. Seitlich liegend und das obere Bein angewinkelt – und eigentlich wollte ich doch keinesfalls im Liegen das Kind gebären. Lukas lag hinter mir und feuerte mich bei jeder Wehe an. „Du schaffst das, Andi. Super machst du das!“, so seine Anfeuerungsrufe. Diese
 erinnerten mich an meine Zeit als Handballspielerin, in der ich immer wieder über meine scheinbar körperlichen Grenzen hinausging. Karin stimmte in die Anfeuerungsrufe mit ein. Dann gab mir Karin ein paar hilfreiche Tipps. Ich sollte die Energie nicht hinaus rufen, sondern zu dem Punkt, auf den sie drückte, hinschieben. Sie meinte, ich sollte die Augen zumachen, damit keine Adern platzen und das Kinn anlegen. War ich froh über diese Hilfestellungen. Jetzt wusste ich, wohin ich schieben sollte und es fiel mir auf einmal leichter. „Dank“ meines guten Beckenbodens und einem stolzen Kopfumfang unseres Kindes dauerte die Austreibungsphase drei Stunden. Die Wehenpausen waren enorm wichtig für mich, um Kraft zu tanken. Ich wollte unser Kind nun zur Welt bringen. Es war Millimeterarbeit, meinte Karin. Wenn ich oder Karin sich vergewissern wollten, hörte sie die Herztöne unseres Kindes ab. Erfreulicherweise waren diese jedes Mal einwandfrei, regelmäßig und stark. Energie sammelte ich, als Karin mich den Kopf und das Ohr unseres Kindes tasten ließ – das war ein unglaublich motivierendes Gefühl. Schließlich dachte ich an meine Großmutter, zu der ich eine sehr enge Verbindung habe und dann auch an meine Mutter. Plötzlich bekam ich noch mehr neue Kraft und… schwups – der Kopf unseres Kindes war heraußen. Karin leitete mich perfekt an, nicht zu schnell zu schieben, damit nichts reißt. Ich fühlte mich so sicher begleitet. Ich genoss die kommende Wehenpause, da ich wusste, dass mein Kind versorgt ist. Mit der nächsten Wehe wurde der Körper geboren – das war dann wirklich nur mehr ein Kinderspiel. Karin fing unser Kind gekonnt und legte es sogleich zu mir. Ein kurzer hoher Schrei war zu hören. Dann schaute mich unser Kind mit großen, interessierten Augen an. Diese Blicke werde ich immer in Erinnerung behalten. Sie waren voll Interesse und Liebe. Für eine Beschreibung dieses Momentes fehlen mir die Worte. Ich denke es gibt sie nicht. Es ist ein
 unglaublich erfüllendes Gefühl. Ein Mosaik der Freude, Dankbarkeit und Liebe. Das
 Geschlecht des Kindes war mir egal. Karin und Lukas wussten schon, dass es ein Junge war. Lukas, unser Kind und ich lagen als frisch gebackene Familie beisammen. Diese Zeit war eine der kostbarsten. Ungestört und in friedvoller Umgebung genossen wir unsere ersten Minuten zu dritt. Ich weiß nicht, wie lange wir da gemeinsam gelegen sind – ich denke eine knappe Stunde. Wir dachten bis zum Schluss, dass wir ein Mädchen bekommen würden. Schon da zeigte uns unser Kind, dass es voll Überraschung steckt. Bis dahin war kein Bubenname für
 uns stimmig. Doch als Lukas unseren Sohn sah, wusste er, dass er Felix Samuel heißen sollte. Ich freute mich über den Namen. Nachdem Lukas die Nabelschnur durchtrennte, kam die Plazenta. Es lief alles wie am Schnürchen. Wunderbar. Nun waren wir zu dritt. Felix Samuel hatte das Licht der Welt erblickt.