Geburtsbericht - Der Löwe mit dem Popo voran

Vor einer Woche weckten mich erste Wellen um 1 Uhr mor- gens. Nicht ganz sicher ob es nun wirklich losgeht, drehte ich mich hin und her und weckte meinen Mann. Nach kurzem Mitstoppen war uns beiden schnell klar, unser Löwe ist unter- wegs, und das in regelmäßigen 2,5 Minuten Abständen zu je einer Minute Welle. Wir kuschelten uns eng aneinander und erlebten jede Welle innig vereint. Wir gingen nach draußen, drehten eine Runde im Hof, gingen auf die Terrasse. Wir wur- den ganz ruhig in den Wehenpausen und wir spürten beide eine tiefe Gelassenheit. Wir waren bereit.

Zurück im Schlafzimmer blitzte und donnerte es plötzlich. Ein Regenschauer zog über uns. Der erste von vielen weiteren an diesem Geburtstag. Wir weckten Karin, die uns nahelegte noch ein wenig Schlaf zu nehmen oder zumindest soviel Ener- gie wie möglich noch zuhaus zu tanken und Entspannung mit einer heißen Wärmflasche zu schaffen. Die Wellen blieben konstant, die Stunden verstrichen. Ich nahm ein heißes Bad, ließ die angenehme Brause über meinen Bauch strömen. Die Vorfreude auf den kleinen Löwen stieg. Es wurde langsam hell. Im Morgengrauen begann mein Mann alles zu richten, eine Liste war vorbereitet. Punkt für Punkt wurde abgehakt, während ich in meinen Wellen konstant blieb. Wir gönnten uns noch ein Frühstück, wobei mein Magen nicht mehr viel warmen Erbsenreis aufnehmen wollte. Zumindest war mein Mann bestens mit seiner Eierspeise gestärkt. Gegen 9 Uhr brachte ich in einer Wehenpause meine vorbereiteten Kerzen zu meiner Nachbarin, sie solle sie im Laufe des Tages für uns anzünden. Mein Mann fuhr mit Schwung den Wagen vor und wir verabschiedeten uns nach Graz in die Privatklinik Ragnitz. Bereits nach 10 Minuten der erste Stop, die Blase wollte ge- leert werden und wir machten noch ein paar Schritte im Wald. Wir sahen uns in die Augen und die Freude überkam uns. Wir bekommen jetzt wirklich unser Kind. Weiter ging es auf die Autobahn in die Stadt. Mein Mann fuhr wunderbar gelassen, dennoch machten mir Wellen in Kombination mit roten Am- peln etwas zu schaffen. Doch die gute Laune überwiegte. Mit Sack und Pack kamen wir an, zu viel gepackt aber man weiß ja nie. Karin war bereits vor Ort und empfing uns in all ihrer Herzlichkeit. Den Kreißsaal hatte sie bereits mit einem gro- ßen Poster reserviert und vorbereitet. Während sie mich auf- nahm, legte mein Mann einen Sprint zur nächsten Bank hin, da eine Kartenzahlung doch nicht klappte. Verschwitzt wie in einem Hollywoodfilm stieß er etwas später wieder zu uns.

Wir legten derweil das CTG an um zu sehen, dem kleinen Lö- wen ging es super. Meine liebe Doula war ebenfalls gleich vor Ort, sowie unser Arzt und das Team begrüßte sich. Es war 10 Uhr, mein Muttermund bei 2cm. Nach all den Wehen konnten wir bei 2cm noch nicht von "Geburt" sprechen, so mussten wir hoffen, dass an diesem Tag noch einiges weiter geht um den kleinen Löwen noch in die Arme zu bekommen.

Karin begleitete uns auf unser Zimmer. Sie brach abrufbereit zu ihren Hausbesuchen in der näheren Umgebung auf, wir blieben mit unserer Doula im Zimmer. Schnell war die eige- ne Playlist gestartet und wir verbrachten amüsante Stunden in unserer "Jugendherberge". Die Wellen hatten etwas nach- gelassen, steigerten sich jedoch wieder konstant zurück im Laufe des Nachmittags. Weitere Regenschauer zogen über uns. Ich wälzte mich im Bett, genoss die Massagen meines Mannes, ging in die Knie und gefühlte tausend mal auf die Toilette. Ich tanzte und ließ mich immer tiefer in die zuneh- mend stärkeren Wellen fallen. Jede Pause wurde zur medit- ativen Entspannung und ich fiel langsam in eine Trance aus Ruhe und Sturm.

Gegen 16 Uhr wurden die Wellen um einiges stärker, Karin kam zurück und wir gingen in den Kreißsaal. Der Muttermund hatte sich auf 6cm geöffnet, ein Meilenstein für mich an die- sem Tag. Somit war die Geburt offiziell gestartet und ich ließ mich in den Geburtspool sinken. Ich spürte tiefe Erleichte- rung, mein Körper entspannte. Mein Mann an meiner rechten Seite, meine Doula zu meiner Linken und Karin vor mir erleb- te ich starke Wellen im warmen Wasser. Wir wurden alle ganz ruhig und meine Musik begleitete diese intensiven Momente. Ich floss mit meinen Wellen und spürte einen zunehmenden Druck in mir. Plötzlich überkam mich ein Hungergefühl, ich brauchte Energie. Ein Apfel war schnell organisiert, nur leider innen morsch und ich musste erbrechen. So wurde weiterer Platz in mir geschaffen und im selben Moment kam auch un- ser Arzt wieder zurück in den Kreißsaal. Ich spürte eine erste Erschöpfung, mir wurde kühl. Meine Doula reichte mir den Brausekopf mit frischen Wasser, ich hielt an den wärmenden Empfindungen fest. Eine kleine Verzweiflung ging mir durch die Gedanken, der Geburtsverlauf war länger und intensiver als erwartet. Meine Doula flüsterte mir einen Hoffnungs- schimmer: "Jemand hat das heutige Datum im Mutter-Kind- Pass eingetragen". Ich hielt mich daran fest, es wurde dunkel.

Wir beschlossen aus der Wanne rauszugehen. Mir war ein- deutig etwas schummrig und so war ich froh, dass mir meine drei Geburtsbegleiter zur Seite standen. Wir wechselten den CTG-Gurt und mein Shirt. Unglaublich wie abhängig man auf einmal sein kann. Ich versuchte mich kurz im Vierfussstand, war aber aufgrund der Wehen, die ich nun im unteren Rü- cken wahrnahm, zu schwach um die Pausen ergiebig nutzen zu können. Das ich an diesem Tag noch all meine Reserven brauchen werde für den kleinen Löwen, wurde mir bereits ein paar Mal nahe gelegt. Daher versuchte ich so viel Kraft wie möglich aus meinen Wehepausen zu schöpfen. Ich leg- te mich auf den Rücken, drehte mich zur Seite. Ich hob das obere Bein, mein Mann unterstützte mich dabei tatkräftig. Auf Karins Anweisung griff ich auch selbst unter mein Knie, um das Bein noch näher an mich heranzuziehen. Langsam

fühlte ich wieder mehr Druck und gebar mit der nächsten Welle einen Teil der Fruchtblase, der sich unter dem Gesäß meines Löwen gesammelt hatte. Es fühlte sich ein wenig wie ein Wasserball an, kurz darauf spürte ich wie die Fruchtblase langsam zwischen meinen Beinen begann auszurinnen.

Ich drehte mich zurück auf den Rücken und verschnaufte kurz. Dies war ein weiterer Meilenstein an diesem Tag, nun konnte mein Löwe wieder um einiges tiefer in mein Becken sinken. Ich spürte einen heftigen Drang mitzudrücken, Karin gab mir ein Go und zeigte mir noch wohin ich all meine Kraft schicken soll. Mir ging ein Licht auf und ich konnte all meine Energie gezielt einsetzen. Mein Mann und meine Doula hiel- ten mir meine Beine, Unterstützung die an diesem Punkt auch schon dringend notwendig war. Der Arzt setzte sich neben Ka- rin vor mir hin um den Überblick über den Geburtsverlauf zu behalten. Langsam spürte ich kleine Fortschritte, Milime- ter-Arbeit. Zu allererst wurden die Hoden meines kleinen Lö- wen geboren, dunkelblau und groß wie Hühnereier aufgrund seiner Steißlage und des Druckes. Mein Stimmorgan setzte kräftig mit ein und so schrie ich jede Welle lauthals durch den Kreißsaal, überwältigt von all der Kraft die ungeahnt in mir schlummerte. Ich spürte erneut starke Erschöpfung und Ver- zweiflung machte sich breit. Wie montierten die Beinstützen, mein Mann kam ganz dicht an mich heran. Ich hielt mich an einem Tuch, das von der Decke hang fest. Er stützte mit all seiner Kraft meinen Rücken, wir pressten gemeinsam und wurden eins unter der Geburt. Meine Doula versicherte mir immer wieder das ich Fortschritte machte, der Kleine wohl je- den Moment durchpassen würde. Ich war überwältigt, dank- bar und am Limit. Ich spürte wie der Arzt meinen Löwen drei mal zurück schickte, da er mit einer Wehe ganz raus kommen sollte um kein Risiko einzugehen. Karin war währenddessen meine Rettung mit ihrem Ölfläschchen. Bei jeder Möglichkeit kreiste sie mit ihrem Finger voll Öl um Geburtsverletzungen zu vermeiden, was ihr im Endeffekt auch bis auf eine kleine Schürfwunde bestens gelang. Der Arzt stellte sich kurz neben mich, mit seiner ruhigen Gelassenheit schlug er mir vor, bei der nächsten Wehe nicht zu schreien und stattdessen die Kraft voll und ganz nach unten zu schicken. „Nehmen Sie dafür die ganze positive Energie Ihres Zorns, der in Ihnen schlummert.“ Ich gab mein Bestes, auch wenn es mir nicht ganz gelang. Langsam kam ich an den Punkt, wo ich merkte das meine Wehen um ein klein wenig zu früh ausgingen. Mir fehlten die letzten Sekunden um meinen Löwen über die Schwelle zu schicken. Wir beschlossen ein wenig Oxytocin über den Zu- gang an meiner Hand zu schicken. Eine Welle von geballter Kraft und unerwarteter Intensität überrollte mich, und ich schaffte sie mit drei Atemzügen und aller letzter Energie. Ich spürte wie der kleine Körper auf einmal aus mir heraus glitt. Und auch der Kopf kam in der selben Welle aus mir heraus.

Ein unglaubliches Gefühl. Überwältigend. Nach 20 Stunden Wehen auf einmal das Ziel zu erreichen, überraschte mich dennoch wie eine Sturzgeburt. 21:35 Uhr. Der Arzt, der ihn

mit seinen Händen aus mir heraus führte, legte ihn gleich an meine Brust und zwei große Augen schauten mich an. Der kleine Löwe schien genauso erstaunt wie ich, machte keinen Mux und schnappte etwas nach Luft. Er machte seine ersten Atemzüge in meinen Armen, und wir waren sprachlos. Ein so wunderbares Wesen, mir so fremd und doch so nah. Die Na- belschnur pulsiert langsam aus und Karin gab meinem Mann die Schere in die Hand. Wir fassten beide nochmal kurz nach der Schnur, dann schnitt er sie mit Bedacht durch. Nun waren wir getrennt und mein Mann übernahm ihn. Ich kam lang- sam wieder zurück in den Raum. Ich spürte große Erschöp- fung in mir und zugleich unbeschreibliche Erleichterung. Wir haben es geschafft.

Karin legte mir den kleinen Löwen dann wieder direkt an die Brust und er dockte sofort an beiden Seiten an. Wir hatten wieder eine Verbindung geschaffen, diesmal auf der anderen Seite meines Bauches. Kurze Zeit später gebar ich mühelos die Plazenta, und warf noch einen Blick darauf. Wunder- schön lag sie vor mir zwischen meinen Beinen. Zwei weite- re Stunden vergingen, ehe Karin und meine Doula mir auf- halfen, mir meine Schuhe anzogen und mich langsam und sicher im Rollstuhl ins Zimmer brachten, dicht gefolgt vom stolzen frischgeborenen Papa und unserem kleinen Wunder. Karin hatte bereits Tee und Abendessen für uns aufs Zimmer organisiert, alles war bestens vorbereitet. Wir verbrauchten die erste Nacht gemeinsam als Familie, alle drei ziemlich er- schöpft und etwas aufgewühlt von den Geschehnissen. Mein Mann kümmerte sich liebevoll und ich fand ein paar Stunden Schlaf. Der kleine Löwe schlief um 5 Uhr morgens endgül- tig auf meinem Bauch ein. Am nächsten Morgen wurde er zum allerersten Mal von seinem Papa gewickelt, und mich überkam ein kleines Tränenmeer der Erleichterung als ich einen Moment alleine im Zimmer war. Wir verbrachten ei- nen ganzen Tag noch im Zimmer, Karin, der Arzt sowie seine Frau schauten nochmals vorbei. Mit jeder Sekunde wuchs ich in meine neue Mamarolle und spürte immer mehr Liebe für dieses kleine Wesen. Heute, eine Woche später, bin ich unend- lich dankbar für dieses Erlebnis, für die Möglichkeit unseren Löwen natürlich und spontan aus der Beckenendlage gebären zu dürfen. Es war wahrlich keine sanfte leichte Geburt, aber sie hat den Kern unserer Familie genährt und sich für immer als Kraftspender und Hoffnungsträger verankert, wir können alles schaffen und wir sind bereit.

Mit liebevollen Dank an das gesamte Team, ohne dem diese Geburt so nie stattgefunden hätte.